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 Alles wird schneller - aber auch besser?!

Oder: Mein Tempo - Dein Tempo

 

Letzten Sonntag bin ich einem Mann nachgelaufen.

 

Ich hatte auf meiner sonntäglichen Joggingroute gerade den Aasee (Sie haben es erkannt? Ich laufe in Münster.) rechts liegen lassen, befand mich auf dem Promenadenabschnitt Richtung Ludgeriplatz und lief entspannt vor mich hin.
Plötzlich schob sich neben mir ein Radfahrer in meinen Blickwinkel, fuhr kurze Zeit neben mir, bevor er langsam vor mir einscherte.

 

„Ups!“  dachte ich aus meinem Gedankentrott gerissen „Den kauf ich mir!“, zog das Tempo an und hatte kurzzeitig die Idee eines kleinen Wettkampfes.

Eine Durchschnitts-Joggerin, die mit einem Radfahrer mithält? Ich merkte schnell, dass dies ein ebenso einseitiges wie aussichtsloses Unterfangen meinerseits war. Der ältere Herr war ganz bei sich und hatte lediglich ganz gemächlich und entspannt ein joggendes Hindernis überholt.

 

Im Hinterherlaufen registrierte ich den beigen Cord-Blazer zur dunklen Hose und den geschlossenen schwarzen Schuhen. Gerader Rücken, ein silberweißer Haarkranz, ein solides schwarzes Hollandrad. (ohne Akku)

 

Ich war ebenso irritiert wie fasziniert von dieser seltenen Erscheinung auf Münsters „Fahrrad-Rennstrecke“. Keine Eile, kein Kräftemessen, sondern ein angemessenes, entspanntes Tempo.

Ich war richtiggehend entzückt, so etwas im allgewärtigen E-Zeitalter zu erleben. Ein Relikt aus früheren Zeiten - was für eine schöne Geschichte zum weitererzählen!
Da entdeckte ich im selben Augenblick, unter den entgegenkommenden Radlern eine grauhaarige Dame, die auf einem roten Fahrrad mit der gleichen Haltung und dem entsprechend entspannten Tempo fuhr.

 

Häufig klagen wir, wie schnell alles geworden ist und wie anstrengend die Anpassung an die permanenten Veränderungen ist. Gleichzeitig haben wir Angst, den Anschluss zu verpassen und verordnen uns ein Tempo, das nicht zu uns passt.

 

Das Paar vom Sonntag zeigt die Diversität unserer Welt. Wir Menschen sind unterschiedlich.
Auch in den verschiedenen Lebensabschnitten haben die Dinge ihr spezifisches Tempo, ihre Bedeutung und ihren Sinn für uns.
Manchmal tut es gut inne zu halten und zu reflektieren, ob es vielleicht ein Missverhältnis gibt im Fluss und in der Geschwindigkeit unseres Lebens. Wir haben es in der Hand, unser Tempo zu variieren und zu entscheiden, was für uns passt. Wollte ich nicht vor wenigen Augenblicken mein entspanntes Lauftempo zugunsten eines kleinen Wettkampfes aufgeben? Wäre mir das gut bekommen? Wäre das wirklich eine freie Entscheidung von mir gewesen? Gibt es das nicht auch regelmäßig zum Beispiel am Arbeitsplatz: Arbeiten im Fremdtempo?

 

Langsam und stetig entfernte sich mein unbekannter Radfahrer. Fast  hatte er sich meines Blickfeldes entzogen. Da sah ich, wie er in die Salzstraße einbog und zog mein Tempo wieder an. Ich war zu neugierig, ob er in der Fußgängerzone absteigen würde oder ob er nach Münster-Art natürlich weiterfahren würde.
Sehr beruhigend! Auch er hielt sich an die Münsteraner Grundregel: Absteigen ist keine Option.