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„Müssen wir heute wieder tun, was wir wollen?“

 

So lautete die Frage eines Kindes im antiautoritären Kinderladen der 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts.
Es gab keine Einschränkungen, keine Vorschriften. Es gab nur vollkommene Freiheit. Nun gut, für viele Außenstehende war das eher Anarchie als Freiheit. Aber es gibt uns die Chance, das Thema Wahlfreiheit und Chancen sowie Verantwortung näher zu betrachten.

 

Hier in Deutschland leben die meisten in einem noch nie dagewesenen Wohlstand, der uns in die Lage versetzt, unzählige Wahlmöglichkeiten zu haben.
Mit der Wahl kommt die Qual. Wir tragen plötzlich die Verantwortung. Und die lastet schwer auf unseren Schultern.  Schließlich geht es ja gerade auch bei uns häufig darum, bei der Schuldfrage auf keinen Fall ins Blickfeld zu kommen.

 

Deshalb suchen wir so oft nach der Absicherung. Selbst wenn es nur um eine eigene Meinung geht, halten wir uns in der Öffentlichkeit gerne zurück. Wir machen uns möglicherweise angreifbar und müssen unsere Meinung überzeugend begründen.

 

Wie entlastend wäre es, wenn da jemand wäre, der uns sagt: “Tu dies. Lass das. Man macht das so. Man muss …“

 

Solche Vorgaben engen uns zwar ein, reduzieren aber auch die Verantwortung bei der Auswahl.

 

Statt solch klarer Vorgaben, bekommen wir heute immer häufiger die zahlreichen Alternativen aufgezeigt, mit dem Hinweis: “Aber letztlich ist das deine Entscheidung.“

 

Was ist die Folge? Keine klaren Aussagen - die ja durchaus diskussionswürdig sind und an denen man sich reiben kann - sondern noch mehr Optionen.

 

„Ich weiß noch nicht, was ich nach der Schule mache.“ – „Dann mach doch erst einmal ein Jahr Australien, oder ein Soziales Jahr.“
„Und wenn es doch nicht der richtige Beruf, das richtige Studium ist?“ – „Dann machst du eben etwas Neues.“
„Irgendwie ist der Wurm in unserer Ehe.“ – „Nehmt euch beide eine Auszeit, geht zur Therapie. Oder lasst euch scheiden.“

 

Resümee:
Toll, dass wir diese Wahl-Möglichkeiten heutzutage, wenigstens in Deutschland, haben. Erkauft wird das aber mit höherem Stress. Wahl und Verantwortung liegen nur bei uns.

 

Es fällt uns manchmal schwer, dies als Geschenk zu sehen.